UTILMD 55175 lesen — Lokationsbündelstruktur Schritt für Schritt
PID 55175 ist seit 01.10.2024 die Pflicht-Übermittlung der Lokationsbündelstruktur vom NB an den LF. So liest dein Team die Nachricht in unter einer Minute — Segment für Segment, mit anonymisierter Beispielnachricht.
Seit dem 01.10.2024 schickt der Netzbetreiber dir als Lieferant per UTILMD eine Stammdatenmeldung mit dem Prüfidentifikator 55175 — die „Änderung der Lokationsbündelstruktur". Wer sie nicht sauber lesen kann, läuft mit veralteten oder lückenhaften Stammdaten. Klärfälle, Ersatzwerte, falsche Mehr-/Mindermengen sind die Folge.
Wir zeigen dir an einer anonymisierten Beispielnachricht, wie die 55175 aufgebaut ist, was die Codes bedeuten — und welche Information bewusst fehlt, weil sie dich als Lieferant nichts angeht.
Was die LBS leistet und warum sie 2024 Pflicht wurde
Eine Marktlokation steht selten allein. An einem Hausanschluss hängen oft mehrere Markt-, Mess-, Netz- und Ressourcenlokationen, die zusammen ein Bündel bilden. Die Lokationsbündelstruktur (LBS) beschreibt, wie diese Lokationen zusammenhängen und welche Funktion jede einzelne im Bündel hat.
Vor 2024 lebte dieses Wissen verteilt: Der Netzbetreiber kannte die Verschaltung, der Messstellenbetreiber die Zähler, der Lieferant seinen Vertrag. Mit Wärmepumpen, PV-Überschusseinspeisung, §14a-Steuerung und Speichern wurden die Konstellationen komplexer. Eine Marktlokation in einem solchen Bündel ohne Kontext sauber abzurechnen, ist nicht möglich.
Die BNetzA hat mit der Festlegung BK6-22-024 die LBS-Übermittlung darum verpflichtend gemacht. Der NB sagt dem LF nun explizit: Hier ist die Bündelstruktur deiner MaLo, hier sind die für dich relevanten Lokationen, hier ist die Funktion jeder einzelnen.
PID 55175 ist die Änderungsmeldung dieser Information vom NB an den LF. Vier verwandte PIDs decken den Rest ab: 55180 (LF an NB als Rückmeldung), 55173 (NB an MSB), 55177 (MSB an NB), 55690 (NB-Wechsel). Wer LF ist, sieht überwiegend 55175.
Anatomie der Nachricht — fünf logische Blöcke
Eine 55175-Nachricht besteht aus fünf Blöcken. Jeder hat eine klare Aufgabe.
- Header und Identifikation (UNB, UNH, BGM, DTM): UTILMD-Version, Sender, Empfänger, Vorgang
- Marktteilnehmer (NAD): MS = Sender, MR = Empfänger, jeweils mit BDEW-Code
- Vorgang (IDE, STS, RFF+Z13): Vorgangsnummer, Status ZY2, Prüfidentifikator 55175
- Beteiligte Lokationen (SG5 LOC): eine Zeile pro Lokation mit Qualifier-Code und ID
- Funktionszuweisung und Strukturcode (SG8 SEQ): Z58-Blöcke ordnen Funktionen zu, ein Z78-Block referenziert die Standardstruktur
Wer diese fünf Blöcke verstanden hat, kann jede 55175 lesen. Der Rest sind Codetabellen.
Anonymisierte Beispielnachricht
Wir arbeiten ab hier mit einer Nachricht, die eine Wärmepumpenkaskade mit Überschusseinspeisung beschreibt. In der BDEW-Codeliste trägt diese Konstellation den Strukturcode 9992 00000 017 5.
UNB+UNOC:3+9900000000001:500+9999999999999:500+260310:0938+000000000001'
UNH+000000000001+UTILMD:D:11A:UN:S2.1'
BGM+E03+000000000001'
DTM+137:202603100938?+00:303'
NAD+MS+9900000000001::293'
NAD+MR+9999999999999::293'
IDE+24+ANONYMISIERTER_VORGANG_001'
STS+7++ZY2'
LOC+Z16+50000000001:::1'
LOC+Z17+DE0000000000000000000000000012345:::1'
LOC+Z17+DE0000000000000000000000000098765:::1'
LOC+Z20+D9876543210:::1'
RFF+Z13:55175'
RFF+Z49::1'
DTM+Z25:202510222200?+00:303'
SEQ+Z58+1'
RFF+Z19:DE0000000000000000000000000098765'
RFF+Z33:9992000001222'
SEQ+Z58+1'
RFF+Z19:DE0000000000000000000000000012345'
RFF+Z33:9992000001214'
SEQ+Z58+1'
RFF+Z18:50000000001'
RFF+Z33:9992000001016'
SEQ+Z58+1'
RFF+Z37:D9876543210'
RFF+Z33:9992000001024'
SEQ+Z78+1'
RFF+Z31:9992000000175'
UNT+29+000000000001'
UNZ+1+000000000001'
Marktteilnehmer-Codes, Lokations-IDs und Vorgangsnummern sind anonymisiert. Die Codeliste-Werte (9992 …) sind original, weil standardisiert.
Schritt 1 — Header und Identifikation
UNH+000000000001+UTILMD:D:11A:UN:S2.1 zeigt die Nachrichtenversion. UTILMD AHB Strom 2.1 vom 01.10.2024 — wenn dort eine andere Version steht, prüf das passende AHB.
BGM+E03 ist die Nachrichtenfunktion: Änderungsmeldung.
DTM+137:202603100938?+00:303 ist das Erstellungsdatum der Nachricht (10.03.2026 09:38 UTC). Nicht zu verwechseln mit dem Wirksamkeitsdatum — das kommt später.
Schritt 2 — Sender, Empfänger, Anwendungsfall
NAD+MS+9900000000001::293 ist der Sender (bei 55175 immer der NB), NAD+MR+9999999999999::293 der Empfänger (immer ein LF). Das 293 verweist auf die BDEW-Code-Liste.
STS+7++ZY2 heißt: Status „Änderung der Lokationsbündelstruktur".
RFF+Z13:55175 ist der Prüfidentifikator. Filter dein System nach diesem Wert, damit der Vorgang im richtigen Workflow landet.
DTM+Z25:202510222200?+00:303 ist der wichtigste Datums-Eintrag: das Wirksamkeitsdatum. Im Beispiel der 22.10.2025 22:00 UTC. Bis dahin gilt der alte Stand der LBS, ab dann der neue.
Schritt 3 — LOC-Block lesen: Welche Lokationen sind im Bündel?
Jedes LOC-Segment beschreibt eine Lokation. Der Qualifier nach LOC+ sagt dir, was es ist.
In der Beispielnachricht stehen vier Lokationen: eine MaLo, zwei MeLos und eine TR. Die Qualifier-Zuordnung ist im UTILMD AHB Strom 2.1, Kap. 9.1.10 verbindlich definiert:
| LOC-Qualifier | Lokationstyp | ID-Format |
|---|---|---|
| Z16 | Marktlokation (MaLo) | 11 Ziffern |
| Z17 | Messlokation (MeLo) | 33-stellig, DE-Präfix |
| Z18 | Netzlokation (NeLo) | 11-stellig |
| Z19 | Steuerbare Ressource (SR) | 11-stellig |
| Z20 | Technische Ressource (TR) | 11-stellig alphanumerisch |
| Z21 | Tranche | 11-stellig |
| Z22 | Ruhende Marktlokation | 11 Ziffern |
Das ID-Format ist dabei dein zweiter Sicherheits-Anker. MeLos sind 33-stellig mit DE-Präfix. MaLos sind reine 11-Ziffer-Codes. TR sind 11-stellig alphanumerisch und beginnen oft mit einem Buchstaben. Wenn die Qualifier durcheinander aussehen, gleichst du das ID-Format ab und siehst Tippfehler oder Mappings sofort.
Schritt 4 — SEQ+Z58-Blöcke lesen: Welche Funktion hat jede Lokation?
Der LOC-Block sagt dir nur, was eine Lokation ist. Welche Rolle sie im Bündel spielt, steckt erst im SEQ+Z58-Block. Jeder Block paart eine Lokations-Referenz mit einem Z33-Code aus der BDEW-Codeliste der Lokationsbündelstrukturen V1.0.
Ein wichtiger Praxis-Hinweis: Die RFF-Qualifier verschieben sich gegenüber den LOC-Qualifiern.
| Lokationstyp | LOC-Qualifier | RFF-Referenz im SEQ-Block |
|---|---|---|
| Marktlokation | Z16 | Z18 |
| Messlokation | Z17 | Z19 |
| Technische Ressource | Z20 | Z37 |
Aus LOC+Z16 wird also RFF+Z18, aus LOC+Z17 wird RFF+Z19, aus LOC+Z20 wird RFF+Z37. Das ist intuitiv schräg, aber so im AHB festgelegt.
Die Z33-Codes folgen einer eigenen Logik. Sie haben das Präfix 9992 00000 und beschreiben jeweils einen Bestandteil mit seiner Funktion.
| Z33-Code | Bedeutung |
|---|---|
| 9992 00000 101 6 | Marktlokation (statisch — genau eine pro Bündel) |
| 9992 00000 102 4 | Technische Ressource (optional übermittelt) |
| 9992 00000 121 4 | Messlokation Hinterschaltung — Erzeugung |
| 9992 00000 122 2 | Messlokation Netzübergabe — Verbrauch & Erzeugung |
| 9992 00000 123 0 | Messlokation Differenzmessung — Verbrauch |
| 9992 00000 124 8 | Messlokation Differenzmessung — Erzeugung |
Die letzten Stellen folgen einem Schema, mit dem du jeden neuen MeLo-Code in Sekunden dekodierst:
| Mess-Position | Bedeutung | Energieflussrichtung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| N | Netzübergabe | V | Verbrauch |
| H | Hinterschaltung | E | Erzeugung |
| D | Differenzmessung | VE | Verbrauch und Erzeugung |
| S | Speicher-Messung |
In der Beispielnachricht heißt das:
- MeLo
DE0000…98765ist die Übergabe-Messlokation am Netzanschluss, sie misst Verbrauch und Erzeugung - MeLo
DE0000…12345sitzt hinterschaltet und misst Erzeugung - MaLo
50000000001ist die statische Marktlokation - TR
D9876543210ist eine optional übermittelte Technische Ressource
Schritt 5 — Strukturcode: Welcher Bündel-Typ ist das insgesamt?
Im letzten Block steht SEQ+Z78 mit RFF+Z31. Hier liegt der Code der gesamten Bündelstruktur.
9992 00000 017 5 verweist auf die Standardstruktur „Verbrauchskaskade mit ungemessenem Verbraucher und ungemessener Erzeugung" — die Konstellation Wärmepumpenkaskade mit PV-Überschusseinspeisung.
Der Strukturcode ist mehr als ein Etikett. Er ist eine Soll-Vorgabe: Aus der Codeliste-Definition kannst du ableiten, welche und wie viele Lokationen im Bündel mindestens vorhanden sein müssen. Genau dieser Soll-Abgleich führt zum nächsten und vielleicht wichtigsten Punkt.
Was du als Lieferant nicht siehst — und warum das Absicht ist
In der Beispielnachricht stehen vier Lokationen. Eine vollständige Wärmepumpenkaskade mit Überschusseinspeisung hat aber typischerweise mehr: drei MaLos (Hausverbrauch, Wärmepumpenverbrauch, Erzeugung), mehrere MeLos und eine NeLo. Im Beispiel fehlen also einige Lokationen.
Das ist kein Fehler in der Nachricht. Es ist Architektur.
Die UTILMD 55175 vom NB an den LF ist eine berechtigungs-gefilterte Sicht. Der Netzbetreiber kennt das gesamte Bündel. Der Lieferant bekommt aber nur die Lokationen mitgeteilt, an denen er Belieferungs-Berechtigung hat. Wenn ein anderer Lieferant die Wärmepumpen-MaLo beliefert, sieht ihn der NB-Versand für deinen Lieferanten nicht.
Das AHB sagt es im SG5-Hinweis explizit: Die Sicht ist um die im SG5 LOC+Z16 angegebene Marktlokation zentriert. Es sind die Lokationen anzugeben, die dieser MaLo aktuell oder zukünftig vorgelagert sind.
Genau deshalb ist der Strukturcode der Kontext-Anker. Er sagt dir, was das Bündel insgesamt ist, auch wenn du nicht alle Teile siehst. Steht dort 9992 00000 017 5, weißt du: An dieser Adresse hängt eine vollständige Wärmepumpenkaskade. Auch wenn deine LOC-Liste nur einen Auszug zeigt — die Berechnungsformel deiner MaLo wird sich auf MeLos beziehen, die du eventuell gar nicht direkt siehst.
Trio: LBS, Berechnungsformel und Konfigurations-ID
Die LBS allein reicht nicht. Sie wirkt zusammen mit der Berechnungsformel (per UTILTS übermittelt), die die Rechenvorschrift liefert: Wie werden aus den Messwerten die Mengen pro MaLo berechnet. Klassisch bei Differenzmessung an einer Wärmepumpenkaskade: WP-Bezug = Übergabezähler − hinterschalteter Zähler.
Bei Messlokationen mit intelligentem Messsystem (iMSys/SMGW) kommt eine dritte Größe hinzu: die Konfigurations-ID. Sie ist ein bis zu 70 Zeichen langer alphanumerischer Identifier, den der MSB pro MeLo vergibt. Ihr Zweck: Wenn der MSB im SMGW eine zeitliche Abgrenzung vornimmt (Anschlussnutzer-Wechsel, Zählzeit-Änderung, MSB-Wechsel), entstehen pro Stichtag zwei Zählerstände. Damit der Empfänger der MSCONS-Werte diese eindeutig zuordnen kann, wird in MSCONS zusätzlich zur OBIS-Kennzahl die Konfigurations-ID mitgegeben.
Bei kME und mME ohne SMGW gibt es keine Konfigurations-ID — sie wird dort nicht benötigt.
Doku-Stelle: UTILMD AHB Strom 2.1, Kapitel 6 „Zusammenspiel der Konfigurations-ID und Kanalnummer der OBIS-Kennzahl" (S. 67 ff.).
Fünf typische Lesefehler
1. Annahme der Vollständigkeit. Du siehst vier Lokationen und denkst, das sei das ganze Bündel. Tatsächlich sind weitere Lokationen vorhanden, aber außerhalb deiner Berechtigung. Lies den Strukturcode (Z31) immer zuerst und gleiche ihn gegen die Codeliste ab.
2. Z33-Funktionscodes ignorieren. Sachbearbeiter kopieren manchmal nur die LOC-Liste in ihr System und überlesen die SEQ+Z58-Blöcke. Damit fehlt die wichtigste Information: welche Rolle die Lokation im Bündel spielt.
3. RFF-Qualifier wie LOC-Qualifier lesen. RFF+Z18 verweist im SEQ-Block auf eine MaLo, nicht auf eine NeLo wie LOC+Z18. Wer das vermischt, ordnet IDs falsch zu.
4. Wirksamkeitsdatum überlesen. DTM+Z25 sagt, ab wann die Struktur gilt. Wer das überliest, aktiviert die Änderung sofort statt zum Stichtag und produziert Inkonsistenzen mit Berechnungsformel und Konfigurations-ID.
5. Strukturcode als reines Etikett behandeln. Der Code 9992 00000 017 5 ist eine Soll-Vorgabe. Aus ihm leitest du ab, was das Bündel insgesamt enthalten soll. Wer nicht abgleicht, übersieht systematisch die unsichtbaren Lokationen.
Routine für die tägliche Praxis
Wer regelmäßig 55175-Nachrichten bearbeitet, profitiert von einem festen Lese-Ablauf:
- Header lesen — UTILMD-Version, BGM+E03, STS+7+ZY2 verifizieren
- Wirksamkeitsdatum notieren — DTM+Z25
- LOC-Liste durchgehen — welche Lokationen sind sichtbar
- Strukturcode lesen — RFF+Z31 in der Codeliste nachschlagen, Soll-Bündel rekonstruieren
- SEQ+Z58-Blöcke prüfen — Z33-Code je Lokation, Funktion zuordnen
Wer diesen Ablauf einmal verinnerlicht hat, liest jede 55175 in unter einer Minute und filtert problematische Fälle treffsicher aus dem Tagespensum heraus.
Was wir bei Stadtwerken oft sehen
Drei Themen kommen in der Praxis wiederholt vor und führen zu Klärfällen:
Bestandsdaten wurden zur Pflicht-Einführung am 01.10.2024 migriert, aber nicht systematisch nachgepflegt. Wenn jetzt Änderungsmeldungen kommen, decken diese Lücken auf — die das Team bisher nicht kannte.
Die berechtigungs-gefilterte Sicht ist operativ oft nicht klar kommuniziert. Sachbearbeiter sollten ausdrücklich geschult sein: Du siehst nur deinen Ausschnitt, der Strukturcode liefert den Rest.
Die Verbindung zwischen LBS, Berechnungsformel und Konfigurations-ID ist konzeptionell anspruchsvoll. Wer nur eines bedient, baut sich ein Datenmodell, das in komplexen Bündeln nicht trägt.
Bei Energiewirtschaft im Blick arbeiten wir mit Stadtwerken und EVU daran, diese drei Themen zur Routine im Tagesgeschäft zu machen. Nicht als externe Lösung, sondern als Wissenstransfer in dein Team. Sprich uns an, wenn dein Team bei der UTILMD-55175-Verarbeitung ins Stocken gerät — wir setzen mit euch eine saubere Routine auf.
Quellen
- UTILMD AHB Strom 2.1 (BDEW, 01.10.2024), Kap. 6 + 9.1.10
- BDEW Codeliste der Lokationsbündelstrukturen V1.0 (31.03.2023)
- BDEW UTILMD MIG Strom S2.1 (01.10.2024)
- BNetzA Beschluss BK6-22-024 vom 21.03.2024 (LFW24-Festlegung, Synchronitätsgebot)
- BNetzA Konzept zur Übermittlung der Lokationsbündelstruktur